Abstract Pöhlmann (39/2015)

Lang war es Communis opinio gewesen, daß die Ilias vor Hesiod, gegen 730 v. Chr. entstanden sei. Doch hatte Walter Burkert schon 1976, und nach ihm Martin L. West 1995 gezeigt, daß sichere Argumente für die Datierung der Ilias vor Hesiod nicht existierten, und daß es Anhaltspunkte für einen Terminus post quem der Ilias um 663 (Burkert) bzw. 689 oder 678 (West) gebe. Folge dieser Spätdatierung ist, daß alle „orientalisierenden Stellen“ der Fassung letzter Hand des Ilias-Dichters zugerechnet werden können.

Eine solche Stelle findet sich im 6. Gesang der Ilias. Dort erzählt Glaukos eine novellistische Einlage aus dem Leben des Bellerophon (156-205). Diese Einlage verbindet zwei alttestamentliche Motive, die Potiphar-Geschichte und den Uriasbrief. Das letztere sowie die entsprechende Partie aus Ilias 6 gehen, wie sich zeigen läßt, auf ein orientalisches Wandermotiv zurück, das der Ilias-Dichter mit dem ebenfalls orientalischen Potiphar-Motiv zu einer Geschichte verknüpfte. Dabei unterlief ihm ein unvermeidbarer Anachronismus: Während er die Gesellschaft der Ilias durchwegs als schriftlos zeichnet, verrät er mit dem beschrifteten und gesiegelten Diptychon des Uriasbriefs seine Kenntnis der orientalischen Schriftkultur.